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Donnerstag, 16. Mai 2013

Off Balance - Der Tod wartet in Venedig









Off Balance - Der Tod wartet in Venedig
(Un Delitto poco comune)
mit Michael York, Edwige Fenech, Donald Pleasence, Mapi Galan, Fabio Sartor, Renato Cortesi, Antonella Ponziani, Carola Stagnaro, Daniele Brado, Caterina Boratto, Luis E. Ciannelli, Renata Del Pozzo
Regie: Ruggero Deodato
Drehbuch: Gianfranco Clerici / Vincenco Mannino
Kamera: Giorgio Di Battista
Musik: Pino Donaggio
ungeprüft
Italien / 1988

Der erfolgreiche Pianist Robert Domenici erfährt auf dem Höhepunkt seiner Karierre, daß er unter einer sehr seltenen, unheilbaren Krankheit leidet. Eine Gen-Störung, die sonst vorwiegend bei Kindern auftritt, hat zur Folge, daß er innerhalb kurzer Zeit altert. Gleichzeitig greift die Krankheit die Gehirnzellen an und führt zu Bewußtseinsveränderungen und unkontrolliertem, psychopathischem Verhalten. Domenici gibt seine Karriere auf und zieht sich vollkommen von seiner Umwelt - sogar von seiner Verlobten Helene - zurück. Als einige Verehrerinnen aus dem Umfeld Domenicis auf mysteriöse Weise ums Leben kommen, verdächtigt Inspektor Datti den Pianisten, kann ihm aber nichts nachweisen. Da erfährt Domenici, daß Helene ein Kind von ihm erwartet, daß seine Krankheit erben könnte...


Manche Filme muss man sich wirklich öfter anschauen, bis man einen gewissen Bezug zu ihnen herstellen kann und auch eine zumindest teilweise vorhandene Klasse in ihnen erkennt. Genau so verhält es sich mit diesem Spät-Giallo von Ruggerio Deodato (Cut and Run, Nackt und zerfleischt), der mit "Off Balance - Der Tod wartet in Venedig" einen Ausflug in ein für ihn eher unbekanntes Sub-Genre gewagt hat. Bei meiner ersten Sichtung vor einigen Jahren konnte mich das Werk nun wirklich nicht begeistern, was aber sicherlich auch im gewöhnungsbedürftigen Geschichts-Aufbau begründet ist, die für einen Gialli doch eher ungewöhnlich daherkommt. Baut sich doch in den meisten Fällen eine geheimnisvolle Mordserie auf und die Identität des Killers wird erst kurz vor dem Ende preisgegeben, so verhält es sich hier einmal vollkommen anders. Denn wer der ominöse Killer ist wird in dieser Story ziemlich schnell geklärt, nach spätestens einer halben Stunde liegen Motiv sowie auch die Identität des Mörders auf der Hand. Danach geht das Geschehen in eine fast vollkommen andere Richtung und serviert dem Zuschauer vielmehr ein menschliches Drama, das sich fast ausschließlich um die Hauptfigur des Filmes dreht.

Gerade dieser Aspekt löst bei vielen Fans ein Gefühl der Langeweile aus und ehrlich gesagt war das damals auch bei mir nicht anders. Aus der Sicht eines Giallo-Liebhabers auch durchaus verständlich, sollte man aber dennoch versuchen, Deodato's Film als das zu sehen was er nämlich letztendlich ist, ein durchaus gelungener Mix aus Giallo-und Drama, das aufgrund seiner Erzählweise lediglich ein wenig anders aufgebaut wurde. Ist man dazu in der Lage und kann die erste Enttäuschung unterdrücken, dann bekommt man einen im Prinzip wirklich gelungenen Beitrag zu sehen. Zwar ist der Film keineswegs im oberen Drittel anzusiedeln, doch er bietet durchgehend gute-und kurzweilige Unterhaltung. Insbesondere die ersten 30 Minuten sind dabei sogar richtig stark zu bewerten, baut sich hier doch innerhalb kürzester Zeit ein extrem guter Spannungsbogen auf und es entfaltet sich zudem eine äußerst dichte-und bedrohliche Grundstimmung. Die dabei gezeigten Morde fallen sogar ziemlich blutig aus und wurden außerdem sehr gut in Szene gesetzt.

Das dadurch die Erwartungen des Betrachters natürlich in die Höhe schnellen ist sicherlich nur zu verständlich und so kann man dann auch die Enttäuschung vieler Leute besser nachvollziehen, als Deodato nach nur 30 Minuten das Genre regelrecht auf den Kopf stellt. Hat man zwar bis zu diesem Zeitpunkt ganz bestimmt schon seine eigenen Vermutungen im Bezug auf den Täter hergestellt, so präsentiert ihn der Regisseur nun ganz offensichtlich mitten auf einem Silbertablett, was im ersten Moment ein Gefühl der Schock-Starre auslöst. Nun aber ist man selbst gefragt, sollte diesen ungewohnten Schritt ganz einfach akzeptieren und sich schlicht und ergreifend auf das folgende Geschehen einlassen. Nur so kann man diesem Werk den nötigen Respekt erweisen, den es bei genauerer Betrachtung auch durchaus verdient. In der Folgezeit wird man immer wieder mit einem Mann konfrontiert, der ohne jede Chance etwas dagegen zu unternehmen richtiggehend vor sich hin siecht und körperlich vollkommen zerfällt. Eine extrem seltene Krankheit bricht bei ihm aus und lässt ihn dabei in Windeseile altern, wobei der Verfall ziemlich gut ins Bild gerückt wurde. Seine Beweggründe für weitere Greueltaten sind ganz bestimmt nicht zu akzeptieren, dennoch entwickelt man ohne etwas dagegen tun zu können mitleid mit dem Mörder, was ganz sicher vom Regisseur auch durchaus beabsichtigt war. Es ist nämlich schon ein cleverer Schachzug von Deodato seine Geschichte so aufgebaut zu haben, was aufgrund der Kern-Thematik des Filmes auch gar nicht anders möglich war und so sieht man die Ereignisse von nun an eventuell auch aus einer ganz anderen Sichtweise.

Zuerst die brutal inszenierten Morde die fast schon zwangsweise eine Antipathie gegen den Mörder entstehen lassen den man dann ja auch recht schnell kennen lernt, um danach mit dessen grausamen Schicksal den Zuschauer in einen moralischen Konflikt zu stürzen, da man aus rein menschlicher Sicht durchaus Mitleid mit dem Mann empfindet, der im Prinzip auch nichts anderes ist als ein wehrloses Opfer. Dieser Gesichtspunkt war mir bei meiner ersten Sichtung überhaupt nicht aufgefallen, da die damalige Enttäuschung ganz einfach zu groß war. Mittlerweile kann ich mich jedoch sehr gut mit "Off Balance" anfreunden, was einerseits allein schon im Mitwirken der wie immer blendend aussehenden Edwige Fenech begründet ist, andererseits aber auch daran liegt, das der Film wirklich Qualität beinhaltet, die aber vielleicht erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Sicherlich wird das Werk nie zu meinen absoluten Lieblingen gehören, doch meine zur damaligen Zeit vernichtende Bewertung muss ich definitiv korrigieren.


Fazit:


Es gibt einige Filme des Sub-Genres, die durchaus nicht nach dem üblichen Strickmuster abgedreht wurden und sich in den meisten Fällen dennoch größter Beliebtheit erfreuen. Nur "Der Tod wartet in Venedig" erntet hauptsächlich schlechte Kritiken und wird mit Begriffen wie langweilig tituliert. Dabei hat der Film dies wirklich nicht verdient, auch wenn sein Regisseur mit einem vollkommen beabsichtigten Stilbruch so manch einen im ersten Moment völlig vor den Kopf schlägt. Deswegen ist gerade in vorliegendem Fall eine zweite Sichtung definitiv empfehlenswert, um dann auch zu einem möglichst objektiven Urteil zu kommen, das dem Geschehen auch gerecht wird.


6,5/10

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