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Dienstag, 16. Dezember 2014

Hijacking






Hijacking
(Kapringen)
mit Pilou Asbæk, Søren Malling, Dar Salim, Roland Møller, Gary Skjoldmose Porter, Abdihakin Asgar, Amalie Ihle Alstrup, Amalie Vulff Andersen, Linda Laursen, Keith Pearson, Allan Arnby, Bettina Schjerlund, Derrick Dharmakan
Regie: Tobias Lindholm
Drehbuch: Tobias Lindholm
Kamera: Magnus Nordenhof Jønck
Musik: Hildur Guðnadóttir
FSK 16
Dänemark / 2012

Piraten kapern ein dänisches Frachtschiff, die Crew nehmen sie als Geiseln. Der Schiffskoch Mikkel soll für sie den Kontakt mit der Geschäftsführung herstellen. Es beginnen zermürbende Verhandlungen, und schon bald ist Reeder Peter hin- und her gerissen zwischen der emotional aufgeladenen Verantwortung für seine Männer und den taktischen Anweisungen des britischen Verhandlungsspezialisten Connor.


Mit "Hijacking" präsentiert sich einmal mehr ein eindrucksvoller Beweis dafür, welch grandiose Filme aus dem skandinavischen Raum kommen. Dieses Mal ist es Dänemark und Regisseur Tobias Lindholm serviert hier einen Thriller, der unglaublich intensiv auf den Zuschauer einwirkt. Freunde eines hohen Tempos und einer actionreichen Erzählung sind an dieser Stelle allerdings fehl am Platz, denn es handelt sich um eine äußerst ruhige Erzählung, die jedoch gerade aus diesem Aspekt heraus erst ihre volle Wirkung erzielen kann. Die vorhandene Thematik ist dabei sehr interessant und Lindholm lässt sein Gespür für das Wesentliche erkennen, indem er sein Hauptaugenmerk keinesfalls auf irgendwelche Gewaltdarstellungen, sondern vielmehr auf die zermürbenden Verhandlungen legt die zwischen den Piraten und der Reederei stattfinden. Im Laufe der Zeit schälen sich dabei drei Hauptfiguren heraus, wobei die Figur des Vermittlers der Piraten (Omar) einen eher sekundären Stellenwert einnimmt. Richtig im Fokus stehen eigentlich nur der Geschäftsführer der Reederei (Peter) und der Schiffskoch Mikkel, an deren Charakteren auch der immense Druck fest gemacht wird, der durchgehend wie ein Damokles-Schwert über den Ereignissen hängt. Zu Beginn ist es noch nicht so leicht auszumachen wie sehr sich die Verhandlungen letztendlich in die Länge ziehen und kann eventuell noch zu der Einschätzung gelangen, das die Situation relativ schnell geklärt wird.

Das gnadenlose feilschen um das Lösegeld für Schiff und Crew entwickelt sich jedoch immer mehr zu einer extrem zähen Angelegenheit, die sich dann auch erst nach gut 130 Tagen klären kann. An dieser Zeitspanne kann man gut ermessen, wie peinigend und quälend das Ganze insbesondere für die gefangene Crew sein muss, was stellvertretend immer wieder durch den Schiffskoch Mikkel exemplarisch ins Bild gesetzt wurde, der körperlich und vor allem geistig weit über die Grenzen der Belastbarkeit geführt wird. An dieser Stelle sollte man erwähnen, das vor allem das großartige Schauspiel der Akteure einen unglaublich hohen Anteil an der authentischen Wirkung des Szenarios hat, denn sämtliche Akteure liefern hier absolut erstklassige Leistungen ab. Wird von der Seite der Gefangenen die immer vorherrschende Todesangst durch Pilou Asbæk (Mikkel) grandios zum Ausdruck gebracht, so ist es auf der anderen Seite Søren Malling (Peter), der die Verhandlungsposition der Reederei wunderbar in den Vordergrund rückt. Obwohl der Mann taktischen Verhandlungszwängen unterliegt, kommt insbesondere die menschliche Komponente äußerst gut zum Vorschein. Obwohl Peter mit seinen Mitarbeitern im sicheren Dänemark sitzt und die Interessen der Firma vertritt wird eindeutig klar, das ihm in erster Linie das Wohl der Schiffs-Crew am Herzen liegt, was die gesamte Situation phasenweise schon fast unerträglich macht.

Als Betrachter kann man sich dabei unglaublich gut in die vorherrschende Lage hinein versetzen und spürt die immer stärker zum Vorschein kommende Intensität, die gerade aufgrund der sehr ruhigen Erzähl-Struktur des Filmes immer mehr in den Vordergrund rückt. Man fühlt sich selbst nicht wohl in seiner Haut und mit zunehmender Laufzeit wird man immer stärker selbst zum Spielball der Geschehnisse, die immens spannend und beklemmend auf einen einwirken. Eher selten ist es der Fall, das man sich so dermaßen stark in diverse Figuren einer Geschichte einfühlen kann und dabei vermeint, das man selbst zu einem Teil des Szenarios wird. "Hijacking" schafft dies fast spielend und so ist man immer stärker von der Glaubwürdigkeit dieses Werkes beeindruckt, das einen bis zur letzten Minute fast magisch in seinen Bann zieht. Gerade wenn man im Begriff ist sich etwas zu entspannen und der Meinung ist das sich das Ganze letztendlich einem guten Ende nähert, wartet Lindholm noch einmal mit einem wirklichen Tiefschlag auf. So wird der Story noch einmal ein tragischer Wermutstropfen beigefügt und der Zuschauer wird mit einem flauen Gefühl im Magen aus den Ereignissen entlassen, das einen noch lange nach der Sichtung nachhaltig beschäftigt. Das gilt jedoch ganz generell für den gesamten Film, der wie das grausame Tagebuch einer quälenden Situation auf einen einprasselt und so an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit führt.

Teilweise vermeint man nämlich die vorherrschende Lage fast körperlich und seelisch selbst zu verspüren und so ist man nach der Sichtung dieses beeindruckenden Filmes regelrecht erschöpft. So kann man sich dann zumindest annähernd in die Lage der Protagonisten hinein versetzen, für die es ein wahres Martyrium gewesen sein muss, über eine so lange Zeit unter einer Anspannung gestanden zu haben, die man selbst nur in Ansätzen ermessen kann. Dabei ist es auch unwesentlich auf welcher Seite man sich befunden hat, denn sowohl die Gefangenen wie auch die Mitarbeiter in Dänemark wurden an ihre Grenzen und sogar darüber hinaus geführt. Wie dem aber auch sei, "Hijacking" ist ein absolut großartiger Film der gänzlich ohne Action und hohes Tempo auskommt, aber dennoch an Intensität nur schwer zu überbieten ist. Eine tolle Geschichte, ein hohes Maß an Authenzität und grandios agierende Darsteller machen dieses Werk zu einem echten Erlebnis, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.


Fazit:


Was hier für manch einen vielleicht etwas zähflüssig erscheinen könnte ist im Endeffekt die nahezu perfekte Umsetzung einer Geschichte, die man kaum besser hätte erzählen können. Ohne spektakuläre Momente und gänzlich ohne Übertreibung wird einem eine zermürbende Situation dargestellt, die ihre immense Wirkung auf den Betrachter nicht verfehlt.


9/10

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