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Sonntag, 5. Juni 2016

Der Schrei nach Leben






Der Schrei nach Leben
(Au nom de tous les miens)
mit Michael York, Brigitte Fossey, Jacques Penot, Helen Hughes, Macha Méril, Jean Bouise, Wolfgang Müller, Boris Bergman, Bernard Freyd, Dominique Frot, Jean Lescot, Guy Matchoro, Eugeniusz Priwieziencew
Regie: Robert Enrico
Drehbuch: Robert Enrico / Max Gallo / Martin Gray / Tony Sheer
Kamera: François Catonné
Musik: Maurice Jarre
FSK 12
Frankreich / Kanada / 1985

Martin Gray, ein gebürtiger Pole jüdischer Abstammung, hat durch einen Waldbrand in Südfrankreich seine Frau und vier Kinder verloren. Völlig verzweifelt beginnt er seine Lebensgeschichte aufzuschreiben: Als 1939 die Deutschen in Warschau einmarschierten, tauchte sein Vater unter. Martin musste die Mutter und zwei Brüder allein durchbringen. Er begann Lebensmittel ins Warschauer Ghetto zu schmuggeln, wurde von der Gestapo gefasst. Er kam zunächst ins berüchtigte Pawiak-Gefängnis, später erlebte er das Grauen im Vernichtungslager Treblinka. Seine gesamte Familie wurde getötet, doch Martin gelang die Flucht. Der junge Mann kämpfte auf Seiten der polnischen Partisanen und später der Roten Armee, mit der er 1945 in Berlin einmarschierte. Martin verließ die Armee, emigrierte nach Amerika und machte eine Karriere als Geschäftsmann.


"Der Schrei nach Leben" ist ein dreiteiliger Spielfilm, der auf der Autobiografie des Holocaust-Überlebenden Martin Gray basiert. Das Werk erschien 1985 und entstand unter der Regie von Robert Enrico, der an dieser Stelle einen Film präsentiert, der keinesfalls spurlos am Zuschauer vorbei geht. Zeitlich gesehen setzt die Erzählung 1970 ein und schildert die tragischen Ereignisse, bei denen Gray seine Frau samt seiner vier Kinder bei einem furchtbaren Waldbrand verliert. Der unsägliche Schmerz über den unfassbaren Verlust drängt ihn dazu sein Leben selbst zu beenden, doch das Versprechen an seine Frau seine Lebensgeschichte zu erzählen, hält ihn letztendlich von dieser Kurzschlusshandlung ab. Wäre allein schon der Verlust seiner Familie ein nachvollziehbarer Grund für den Selbstmord gewesen, so bekommt der Betrachter von nun an noch jede Menge anderer Gründe dafür geliefert, denn von nun an wird Martins Lebensgeschichte in den Mittelpunkt gerückt, wobei die Ereignisse zeitlich gesehen mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen im Jahr 1939 beginnt. Es offenbart sich dabei ein fast schon unglaublicher Leidensweg eines jungen Juden, der aber trotz aller Verluste das unglaubliche Glück hatte, irgendwie den zweiten Weltkrieg zu überleben, um danach in Amerika zu einem erfolgreichen Geschäftsmann aufzusteigen.

Während der gut 270 Minuten Laufzeit des Dreiteilers stellt man sich ganz unweigerlich mehrmals die Frage, wie viel Leid, Verlust, Angst und Schmerz ein Mensch aushalten kann, bevor er innerlich vollkommen zusammen bricht. Am Beispiel von Martin Gray wird diesen Dingen teilweise eine ganz neue Dimension verliehen und es erscheint einem fast schon unglaublich, wie stark dieser Mann innerlich sein muss, um ständig aufs Neue den Kampf gegen sämtliche Grausamkeiten aufzunehmen, die ihm im Laufe der Jahre widerfahren sind. Die unzähligen Schicksalsschläge reichen nämlich für eine ganze Gruppe von Menschen aus und jeder einzelne Verlust wäre ausreichend, um eine menschliche Seele zu zerbrechen. So ist der vorliegende Film dann auch in gewisser Art und Weise ein absolutes Aushängeschild für Mut und Stärke, dient aber auch ebenso als ein Plädoyer des ungebrochenen Willens nach Leben, der die gesamte Zeit über im Fokus des Geschehens steht. Jacques Penot in der Rolle des jungen Martin Gray und Michael York als Erwachsener verleihen der Hauptfigur starke Konturen und sorgen durch ihre brillanten Performances dafür, das man sich äußerst gut mit der Figur auseinander setzen kann. Größtenteils leidet man dabei richtiggehend mit und fühlt sich streckenweise auch fast einer Ohnmacht nahe, da man hilflos mit ansehen muss, wie ein einzelner Mann mit Schicksalsschlägen regelrecht zugepflastert wird.

Das geht wirklich unter die Haut und ehrlich gesagt gibt es diverse Passagen, in denen einem ganz automatisch die Tränen in die Augen steigen. Wie eine zentnerschwere Last liegen die Geschehnisse dabei auf den eigenen Schultern und obwohl man eigentlich nur ein unbeteiligter Zuschauer vor dem heimischen TV ist, scheint einen diese Last schier zu erdrücken. Dieses Empfinden zieht sich durch die gesamte Erzählung, denn auch nach dem Krieg läuft Martins Leben nicht unbedingt beschwerdefrei, wobei ihm aber zumindest in beruflicher Hinsicht die Glückssterne zur Seite stehen. Das geht aber auf Kosten des Privatlebens, denn dieses findet im Prinzip überhaupt nicht statt. Martin stürzt sich in seine Arbeit um seine Einsamkeit zu bekämpfen und dieser Umstand ändert sich auch erst, als er mehr durch Zufall die junge Dina kennen lernt und mit ihr seine eigene Familie gründet. Somit wären wir dann auch schon wieder beim Anfang des Filmes und der Kreis des Verlustes hat sich geschlossen. Nach Beendigung der Filmsichtung braucht man dann wirklich erst einmal ein wenig Zeit, um das Gesehene auch richtig sacken zu lassen. Gänzlich gelingt das sicher nicht, denn auch lange Zeit später stellt man sich immer noch die Frage, wie ein Mensch so viel unsägliches Leid erleben kann, ohne endgültig daran zu zerbrechen.

"Der Schrei nach Leben" ist eines der ergreifendsten Werke, das ich in den letzten Jahren gesehen habe und der Aspekt das es sich hier um eine Geschichte dreht die auf wahren Begebenheiten beruht, schnürt einem auch noch mehrere Tage nach der Sichtung des Filmes die Luft ab. Es erscheint eigentlich unfassbar, das Martin diese Tour der Verluste und Schmerzen überlebt hat ohne gänzlich daran zu Grunde zu gehen und mittlerweile stolze 93 Jahre alt ist. Über das Innenleben dieses Mannes kann man sich ganz bestimmt kein echtes Bild machen, denn es wäre absolut vermessen anzunehmen, ein Urteil über das Seelenleben dieses Menschen zu fällen. Eines dürfte allerdings unumstößlich feststehen, Martin Gray zählt zu den wenigen Menschen denen das Leben unendlich grausame Prüfungen auferlegt hat und die dennoch nicht an den widrigen Umständen zerbrochen sind. Davor kann man nur uneingeschränkt den größten Respekt zollen und sollte sich sogar ein wenig von dem "Schrei nach Leben" anstecken lassen, der auch die schlimmsten Hürden überwindet.


Fazit:


"Der Schrei nach Leben" ist eines der intensivsten Filmerlebnisse die man sich nur vorstellen kann. Es ist sicherlich mehr als nur schwer, ein solch bewegtes Leben in lediglich 270 Minuten zusammen zu fassen, doch Robert Enrico ist das sehr gut gelungen. Natürlich können dabei nur die prägendsten Ereignisse in Szene gesetzt werden und das ist auch gut so, denn ansonsten würde man wohl unter dem Druck zusammen brechen, denn dieses Werk auch beim Betrachter hinterlässt.


10/10

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