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Sonntag, 7. August 2016

Calvaire - Tortur des Wahnsinns






Calvaire - Tortur des Wahnsinns / Martyrium
(Calvaire)
mit Laurent Lucas, Brigitte Lahaie, Gigi Coursigny, Jean-Luc Couchard, Jackie Berroyer, Philippe Nahon, Philippe Grand'Henry, Jo Prestia, Marc Lefebvre, Alfred David, Alain Delaunois, Vincent Cahay, Johan Meys, Romain Protat, Damien Waselle
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Fabrice Du Welz / Romain Protat
Kamera: Benoit Debie
Musik: Vincent Cahay
Keine Jugendfreigabe
Belgien / Frankreich / Luxemburg / 2004

Eine Autopanne in einem abgelegenen Waldstück zwingt den herumtingelnden Sänger Marc Stevens die Nacht im Hotel eines gewissen Bartel zu verbringen, einem mehr als seltsamen Kauz. Doch schon bald muss Marc feststellen, dass nahezu alle Personen in der Umgebung dieser Absteige sehr seltsame Wesenszüge an den Tag legen. Als Bartel ihm eröffnet, dass er Mitnichten ein einfacher Gast ist, sondern sein Gefangener, beginnt für Marc eine Zeit gewalttätiger Grausamkeit. Denn um an das heranzukommen, was der mysteriöse Hotelbesitzer in dem Entertainer vermutet, bedarf es einer besonderen Foltermethodik. 


Wenn man sich einmal die Meinungen über diesen Film anschaut, die so im Umlauf sind, dann bemerkt man doch recht schnell, das "Calvaire" ganz eindeutig zu den Filmen zählt, die die Meinungen extrem spalten. Für viele handelt es sich hier um absoluten Schund, andere wiederum halten dieses Werk für schlichtweg genial. Meiner Meinung nach liegt die Wahrheit genau dazwischen, ich kann es aber durchaus nachvollziehen, das die hier erzählte Geschichte nicht jeden Geschmack trifft und viele sich sogar eher von ihr abgestoßen fühlen, als das sie ihr viel Positives abgewinnen können. Was für mich viel eher unverständlich erscheint, ist die Tatsache, das es nicht gerade Wenige gibt, die in diesem Film einen Backwood-Slasher sehen, was ich doch für ziemlich weit hergeholt halte. Vielmehr wird man mit einer äußerst gelungenen Mischung aus Drama-und Thriller konfrontiert, die eine gewisse Anlaufzeit braucht, umso richtig in Schwung zu kommen, aber in ihrer Einführungsphase dennoch keine einzige Minute so etwas wie Langeweile aufkommen lässt.

Gerade das erste Drittel des Filmes hat mir am besten gefallen, denn der Spannungsaufbau, der vielen vielleicht etwas zähflüssig vorkommen mag, ist wohlbedacht und steigert sich auf eine ganz eigene und sehr schleichende Art immer mehr und entfaltet dabei eine so starke Intensität, die man zuerst gar nicht richtig wahrnimmt, da man viel mehr mit den äußerst skurrilen und bizarren Charakteren beschäftigt ist, die sich einem von beginn an präsentieren. Denn bis auf den Hauptcharakter Marc bekommt man es durch die Bank mit anscheinend mehr oder minder vollkommen durchgeknallten und teils schon grotesk erscheinenden Personen zu tun, die man am Anfang noch als recht witzig empfindet, die dem Titel des Films "Tortur des Wahnsinns" aber ein unglaubliches Gewicht verleihen. Ganz egal, ob es sich dabei um eine alte Oma handelt, die beim Anblick des Sängers Marc auf einmal ihren zehnten sexuellen Frühling erlebt und sich selbst als Hure bezeichnet, eine liebestolle Altenpflegerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als den Sänger zu beglücken, oder auch die scheinbar völlig fehlgeleiteten Dorfbewohner, in deren Gegend es Marc nach einer Autopanne verschlägt.

Dort trifft er auf den geistig verwirrten Boris, der verzweifelt nach einem entlaufenen Kalb sucht, er sieht Dorfbewohner, die sich sexuell mit einem Kalb vergnügen und ausgerechnet im ehemaligen Gasthof des alten Bartel kommt er unter. Hat man zuerst noch den Eindruck, das Bartel einfach ein etwas seltsamer Einsiedler ist, der sich unglaublich darüber freut, das er endlich einmal wieder einen Gast beherbergen kann, stellt sich diese Annahme doch recht schnell als vollkommene Fehleinschätzung heraus, denn gerade Bartel ist der schlimmste der durchgeknallten Charaktere, die man während dieser Geschichte kennen lernt. Der arme Marc muss dies auf sehr schmerzvolle Art und Weise feststellen und gerät in eine Situation, die er sich ganz sicher nicht in seinen schlimmsten Träumen vorgestellt hätte.

"Calvaire" ist kein Film, der durch extreme visuelle Härte auffällt, was aber keineswegs bedeuten soll, das hier keine Härte vorhanden ist. Es gibt auch einige heftigere Passagen, die meiner Meinung nach allein aber längst noch nicht die Freigabe des Films erklären würden. Hier sollte man wirklich die Wirkung des Gesamtwerkes sehen und die ist doch sogar stellenweise extrem verstörend. Man muss sich nur einmal vorstellen, das man sich selbst in der Lage befinden würde, in die es unsere Hauptfigur verschlagen hat, wenn man dann noch die Absgeschiedenheit des Schaplatzes mit einwirken lässt und die irren Charaktere berücksichtigt, befindet man sich in einem Szenario, das einem einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Man ertappt sich selbst dabei, das man heilfroh darüber ist, das man das Geschehen aus sicherer Entfernung betrachten kann. Wenn man sich allerdings auf das hier gezeigte Geschehen einlassen kann, muss man erschreckt feststellen, das man sich trotzdem phasenweise als Teil des Szenarios sieht, da man richtiggehend mitleidet und vor allem den psychischen Schmerz nachempfinden kann, dem der gute Marc ausgesetzt ist.

Die Authenzität, die hier von der Szenerie ausgeht, ist ganz sicher auch den erstklassigen Darstellern zu verdanken, die hier allesamt einen mehr als nur überzeugenden Job abliefern, vor allem Laurent Lucas in der Rolle des Marc und Jackie Berroyer als Bartel wissen hier durch ihr Schauspiel zu brillieren, aber auch die anderen Protaganisten müssen mit ihren Leistungen keineswegs hinter dem Berg halten, denn sie alle leisten ihren Beitrag zu einem extrem intensiven und schockierenden Film-Erlebnis, das sich hier dem Zuschauer offenbart. Ob man "Calvaire" unbedingt als Film-Vergnügen ansehen sollte, das wage ich zu bezweifeln, doch darauf ist der Film meiner Meinung nach auch gar nicht ausgerichtet. Der Nebentitel "Tortur des Wahnsinns" ist absolut perfekt gewählt, hier kann man getrost behaupten, das der Titel auch gleichzeitig Programm ist. Von der ersten bis zur letzten Minute wird der Betrachter mit dem immer intensiver wirkenden Wahnsinn konfrontiert, der auch in seiner immer mehr ansteigenden Wirkung nahezu perfekt dosiert ist. Und diese häppchenweise immer stärker werdende Dosierung ist im Endeffekt das Geheimnis dafür, warum dieses Werk so wahnsinnig gut funktioniert, wenn der Zuschauer dazu bereit ist, sich darauf einzulassen, denn das, was zu Beginn noch eher zum Schmunzeln anregt, entpuppt sich mit der Zeit zu einer wirklichen "Tortur des Wahnsinns".


Fazit:


"Calvaire" ist definitiv ein Film, der die Meinungen extrem spaltet, doch ich glaube, das er das auch genau so beabsichtigt. Wenn man dieses Werk als reine Unterhaltung ansieht, dann kann es sehr gut möglich sein, das man letztendlich etwas enttäuscht sein wird. man muss sich dem hier gezeigten Stenario öffnen, sich darauf einlassen und sich in die Situation des Hauptcharakters einfühlen. Wenn einem das gelingt, dann bekommt man ein äusserst intensives und auch nachhaltig wirkendes Film-Erlebnis geboten, das man ganz sicher nicht so schnell vergessen wird.

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