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Freitag, 5. August 2016

Die Frau mit der 45er Magnum






Die Frau mit der 45er Magnum
(Ms. 45)
mit Zoë Lund, Bogey, Albert Sinkys, Darlene Stuto, Helen McGara, Nike Zachmanoglou, Abel Ferrara, Peter Yellen, Editta Sherman, Vincent Gruppi, S. Edward Singer, Stanley Timms, Faith Peters, Lawrence Zavaglia
Regie: Abel Ferrara
Drehbuch: Nicholas St. John
Kamera: James Lemmo
Musik: Joe Delia
ungeprüft
USA / 1981

Thana ist eine junge, stumme und zurückgezogen lebende Frau in New York. Tagsüber arbeitet sie in einer Modeschneiderei in Manhattan. Eines Tages wird sie auf dem Weg nach Hause in einer dunklen Seitengasse von einem maskierten Fremden vergewaltigt. Verstört und verletzt rettet sie sich nach Hause, wo jedoch ein Einbrecher nochmals über sie herfällt. Diesmal kann sich Thana aus dem brutalen Griff des Mannes befreien, ihn überwältigen und seine Waffe entwenden. Die zutiefst schockierenden Erlebnisse machen aus der schüchternen, unscheinbaren Frau Schritt für Schritt einen hasserfüllten Rache-Engel, der nachts gezielt Ausschau nach Opfern hält. Schon bald zieht sich eine blutige Spur durch die Straßen von New York.


Nur zwei Jahre nach seinem äußerst verstörenden Frühwerk "The Driller Killer" präsentierte Abel Ferrara 1981 mit seinem hier vorliegenden Beitrag "Die Frau mit der 45er Magnum" einen weiteren kontroversen und teilweise auch durchaus verstörenden Film. Dabei handelt es sich um einen Rachethriller allererster Güte und ohne größere Bedenken kann man die Geschichte als weibliche Variante zu Michael Winners Meisterwerk "Ein Mann sieht rot" aus dem Jahr 1974 ansehen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht mit Thana eine junge, stumme und extrem in sich gekehrte Frau, die innerhalb kürzester Zeit zwei demütigende Vergewaltigungen über sich ergehen lassen muss. Was diese furchtbaren Ereignisse für Folgen haben kann man sich denken und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, das die schüchterne junge Frau innerhalb kürzester Zeit zu einem eiskalten Racheengel mutiert. Die Wandlung der Hauptfigur wird dabei von der psychischen, wie auch von der optischen Seite her sehr eingehend beleuchtet, denn während man die Charakter Veränderung allein schon durch einen Blick in die Augen von Thana erkennen kann, so verändert die Frau auch ihr Äußeres in extremster Art und Weise, wenn sie in der Nacht durch die Stadt zieht und auf Beutejagd geht. In dieser Zeit ist nichts mehr von der ansonsten sehr natürlich und fast schon bieder gekleideten Frau zu erkennen, vielmehr verwandelt sich Thana in einen mordenden Vamp, der durch sein Äußeres bewusst provozieren will.

Auch wenn einem dieses Szenario sicherlich bekannt vorkommen mag, so unterscheidet sich Ferraras Geschichte meiner Meinung nach stellenweise ziemlich stark von thematisch ähnlich gelagerten Erzählungen. Der größte Unterschied besteht dabei ganz sicher darin, das Thana mit zunehmender Laufzeit immer mehr die Kontrolle über die von ihr ausgelöste Gewaltspirale verliert. Die Morde werden immer brutaler, doch der größte Unterschied zu vergleichbaren Beiträgen offenbart sich in dem Aspekt, das die Wahl ihrer Opfer mit zunehmender Laufzeit immer mehr in den Hintergrund rückt. Werden zu Beginn noch Opfer ausgesucht die anscheinend gern Frauen belästigen oder anderweitig kriminell sind, so lässt sich insbesondere im fulminanten Showdown des Filmes ganz klar erkennen, das Thana ganz generell einen unbändigen Hass gegen das männliche Geschlecht entwickelt hat. Es gibt keinerlei Unterschiede mehr zwischen Freund oder Feind, denn auf einer Halloween Party zum Ende hin wird alles niedergemetzelt was nicht weiblich ist und dieser Schlusspunkt lässt den Zuschauer dann auch gleichzeitig mit einem äußerst flauen Gefühl im Magen zurück.

Umso verstörender und intensiver wirkt das Szenario durch die Behinderung der Hauptdarstellerin, denn dadurch das die junge Frau stumm ist, kann sie die in ihr vorherrschenden Gefühle nicht verbal zum Ausdruck bringen. Die dadurch entstehende Sprachlosigkeit herrscht gleichzeitig auch beim Betrachter vor, denn die gezeigten Ereignisse gehen keinesfalls spurlos an einem vorbei. Gleichzeitig wird man auch wie eigentlich immer bei Filmen dieser Art in einen gefühlsmäßigen Zwiespalt versetzt, denn selbst wenn man Selbstjustiz generell nicht gut heißen kann, so bringt man Thana doch zumindest vom menschlichen Standpunkt her durchaus Verständnis entgegen. Aber auch in diesem Punkt unterscheidet sich "Die Frau mit der 45er Magnum" in meinen Augen von anderen Genre Kollegen, denn dadurch das die Hauptfigur mit zunehmender Laufzeit im Prinzip wahllos alle Männer tötet, verliert sie auch zu Beginn gesammelte Sympathiepunkte beim Zuschauer. War am Anfang noch so etwas wie Gerechtigkeit im Vordergrund zu erkennen, so verschwindet dieser Aspekt gerade im Finale fast völlig. Unterschiede in der Auswahl der Opfer sind überhaupt nicht mehr zu erkennen, so das die Passage auf der angesprochenen Party ohne Weiteres als eine Art von einem blindwütigem Amoklauf angesehen werden kann.

Hauptdarstellerin Zoë Lund interpretiert übrigens die rachsüchtige Frau absolut grandios, wobei die an den Tag gelegte Mimik wohl als größte Stärke angesehen werden kann. Man kann an ihrem Gesichtsausdruck und ihren Augen einfach die gesamte Gefühlspalette ablesen, die sich in der jungen Frau abspielen muss. So leidet man als Betrachter beispielsweise bei den beiden kurz aufeinander folgenden Vergewaltigen richtiggehend mit, ist aber andererseits auch am Ende regelrecht über die Eiseskälte der jungen Frau, die im finalen Showdown wie schon kurz erwähnt so richtig stark zum Ausdruck kommt. Man sollte also "Die Frau mit der 45er Magnum" keinesfalls auf reine Selbstjustiz Propaganda reduzieren, denn damit würde man diesem verstörenden Meisterwerk keinesfalls gerecht werden. Es sind vielmehr die eindrucksvoll in Szene gesetzten Wesensänderungen eines Menschen, der durch die an ihm vergangenen Verbrechen jegliche Selbstkontrolle verliert und so eine immer stärker eskalierende Gewaltspirale in Gang setzt, die am Ende in einem äußerst tragischen Schlusspunkt gipfelt. Es ist eigentlich vollkommen egal wie man zu Filmen dieser Art steht, denn Abel Ferraras Frühwerk wird definitiv einen extrem nachhaltigen Eindruck im Gedächtnis hinterlassen.


Fazit:


Abel Ferrara hat einige gute Filme in seiner Vita stehen, aber insbesondere seine frühen Werke zeichnen sich durch starke Kontroversen und eine ungemein hohe Intensität aus. Der vorliegende "Die Frau mit der 45er Magnum" entfaltet dabei eine absolut verstörende Wirkung beim Betrachter, der im Prinzip durchgehend in einem Zwiespalt der Emotionen steckt.


9/10

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