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Mittwoch, 15. Februar 2017

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?






Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
(Who's Afraid of Virginia Woolf?)
mit Elizabeth Taylor, Richard Burton, George Segal, Sandy Dennis, Agnes Flanagan, Frank Flanagan
Regie: Mike Nichols
Drehbuch: Ernest Lehman / Edward Albee
Kamera: Haskell Wexler
Musik: Alex North
FSK 16
USA / 1966

College-Professor George, Historiker und Trinker, und seine Frau Martha, Tochter des mächtigen College-Präsidenten, haben den neuen Biologielehrer Nick und seine Gattin Putzi zu einer Sauforgie eingeladen. Zum Erstaunen des jungen Paares entfachen Martha und George einen gnadenlosen Geschlechterkampf mit erbarmungsloser Härte. George treibt Martha zum Ehebruch mit dem sportlich dynamischen Nick. Am Ende der langen Alptraum-Nacht, als die Gäste fort sind, berichtet George Martha vom Tod ihres fiktiven Sohnes. Sie bricht zusammen.


Szenen einer Ehe


Filme die wie ein Kammerspiel aufgezogen sind gefallen nicht jedem, stellen sich doch des Öfteren durch den zumeist sehr überschaubaren Cast und begrenzte Schauplätze durchaus etwaige Längen ein. Im Fall von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" ist das aber definitiv nicht der Fall, handelt es sich bei dem Werk von Mike Nichols um eines der intensivsten und besten Dramen der Filmgeschichte, das zudem auch noch mit den für die hier erzählte Geschichte perfekten Darstellern geradezu gesegnet ist. Insgesamt bekommt man es im gesamten Film mit gerade einmal sechs Figuren zu tun, wobei zwei davon ohne Weiteres vernachlässigt werden können, da sie lediglich einen absoluten Kurzauftritt haben. Die beiden eigentlichen Nebenrollen sind mit George Segal und Sandy Dennis besetzt und schon an dieser Stelle wird man mit derartig grandiosem Schauspiel konfrontiert, das man wirklich nur mit der Zunge schnalzen kann. Und dennoch ist das noch gar nichts im Gegensatz zu den Performances der beiden Hauptfiguren, die von der unvergessenen Elizabeth Taylor und Richard Burton verkörpert werden. Die beiden liefern sich in diesem Ehedrama einen Schlagabtausch, der wirklich nicht von dieser Welt ist. Böse Zungen behaupten sogar, das sich die beiden großartigen Mimen noch nicht einmal verstellen mussten, sondern ganz einfach nur ihre eigene private Beziehung zueinander wieder geben mussten. Immerhin waren Taylor und Burton ja zweimal im wirklichen Leben verheiratet und es gibt genügend Legenden, die sich um diese berühmte Hass-Liebe ranken.

Wie dem auch sei, der auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Edward Albee basierende Film brach zur damaligen Zeit mit einem Tabu und dürfte auch heute noch als Maßstab aller Dinge gelten, wenn man von einem extrem intensiven Ehedrama spricht. Dabei lebt die komplette Geschichte ausschließlich von den brillanten Dialogen und dem herausragenden Schauspiel seiner Akteure, wobei sich Burton und Taylor fast schon gegenseitig an die Wand spielen. Das Ganze wirkt dabei einerseits absolut schockierend, aber gleichzeitig auch mehr als authentisch. Während der Laufzeit gibt sich dabei eine gehörige Portion Zynismus zu erkennen, die in erster Linie von George (Burton) ausgeht. Martha (Taylor) besticht im Gegensatz dazu vielmehr mit regelrechten Frontal-Attacken auf ihren Mann, wobei sich in der Summe eine hoch explosive Mixtur ergibt. Zu Beginn des Filmes ist davon noch nicht sehr viel zu erkennen, denn zunächst einmal könnte man die gegenseitigen Sticheleien der beiden noch als derbe Späße auffassen, doch schon nach einer relativ kurzen Zeitspanne ist unmissverständlich zu erkennen, das es sich hier um bitter-bösen Ernst handelt. 

Das Ehepaar Nick und Putzi wird nicht wollend in die heftigen Szenen einer Ehe hinein gezogen und gerät dabei immer tiefer in einen Sog aus purem Hass, gegenseitiger Ablehnung und totaler Gleichgültigkeit. Was am Anfang noch einen eher harmlosen Eindruck hinterlässt, schaukelt sich mit der Zeit immer weiter hoch und gipfelt im weiteren Verlauf sogar in körperlicher Gewalt. Erstaunlich erscheint an dieser Stelle der Umstand, das die komplette Szenerie niemals den Eindruck hinterlässt, als würden die Akteure das Ganze lediglich spielen, die Intensität und totale Glaubwürdigkeit des Geschehens kriecht dem Zuschauer immer mehr unter die Haut, so das man immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, das es sich bei den Abläufen auch durchaus um echte Tatsachen handeln könnte. Vollkommen zu recht wurde "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" dann auch mit fünf Oscars ausgezeichnet, wobei zwei von den begehrten Trophäen an Darsteller gefallen sind. Elizabeth Taylor wurde als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet und die gute Sandy Dennis erhielt die Auszeichnung als beste Nebendarstellerin. Ehrlich gesagt ist es jedoch nicht ganz nachzuvollziehen, das der grandiose Richard Burton trotz Nominierung als bester Hauptdarsteller nicht mit dem goldenen Kerlchen bedacht wurde, obwohl seine Interpretation eines trinkenden Zynikers ihresgleichen sucht. Das mag manch einer anders sehen, aber für mich persönlich war Richard Burton in Sachen darstellerischer Kunst unübertroffen und der absolute Höhepunkt in einer Geschichte, die mit solchen nicht gerade geizt. 

Ist natürlich alles Ansichtssache, aber in einer Beziehung dürfte es keine verschiedenen Meinungen geben. "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" ist ein absolut zeitloses Meisterwerk, das zudem noch lange Im Kopf des Betrachters nachwirkt. Man kann sich unmöglich der Wirkung dieser Geschichte entziehen und manch einer sieht in den Geschehnissen eventuell sogar Szenen seiner eigenen Ehe. Trotz der ganzen Bitterkeit und des unverhohlenen Hasses beinhaltet das Werk aber auch immer wieder Passagen, in denen man unterschwellig positive Gefühle der beiden Hauptfiguren wahr nimmt. So schimmern des Öfteren auch Liebe und Zuneigung durch, wobei auch an dieser Stelle das echte Verhältnis zwischen Burton und Taylor wieder gegeben wird. Sie konnten weder ohne-noch miteinander und dieser Film bringt dies in schauspielerischer Form mehr wie erstklassige zum Ausdruck. Regisseur Mike Nichols hat wirklich alles richtig gemacht und sich gleich mit seinem Regiedebüt ein eigenes Denkmal gesetzt, denn einen solchen Start können wahrlich nicht viele Berufskollegen vorweisen. Wer also an erstklassig inszenierten und höchst intensiven Dramen seine Freude hat muss diesen Film gesehen haben, denn ansonsten hat man etwas verpasst. Ein zeitloser Klassiker, der auch nach mehrmaliger Sichtung immer wieder fasziniert und dabei seine Spuren hinterlässt.


Fazit:


Es gibt viele gute Dramen und auch sehenswerte Filme über kaputte Ehen, aber "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" ist zumindest in der zweiten Kategorie unübertroffen. Aber auch ganz generell darf sich dieses Werk zu den besten filmischen Dramen aller Zeiten zählen und ist nebenbei gesagt auch heute noch mit einer immer aktuellen Thematik ausgestattet.


10/10

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