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Donnerstag, 18. Mai 2017

Cannibal Man







Cannibal Man
(La Semana del asesino)
mit Vicente Parra, Emma Cohen, Eusebio Poncela, Charly Bravo, Fernando Sánchez Polack, Goyo Lebrero, Vicky Lagos, Ismael Merlo, Rafael Hernández, José Franco, Valentín Tornos, Antonio Orengo, Antonio Corencia
Regie: Eloy de la Iglesia
Drehbuch: Eloy de la Iglesia / Antonio Fos
Kamera: Raúl Artigot
Musik: Fernando García Morcillo
ungeprüft
Spanien / 1983

Der junge Marcos ist Arbeiter in einer Konservenfabrik, die unmittelbar mit einem Schlachthof verbunden ist. Dort erlebt Marcos Tag für Tag die blutige Atmosphäre des Tötens. Er watet durch ein Meer aus Blut, schlachtet, teilt und entweidet animalische Kreaturen und entwickelt eine tägliche Routine im Auslöschen existierenden Lebens. Eines Tages wird er gemeinsam mit seiner Freundin nach einem abendlichen Trip aus dem Taxi geworfen und nach einem heftigen Streit ermordet er den Taxifahrer. Seine Freundin kann den Tod des Mannes nicht verschweigen und möchte sich der Polizei anvertrauen, doch damit unterzeichnet auch sie ihr Todesurteil. Vollkommen aus der Bahn geworfen, entwickelt sich Marcos vom einfachen Arbeiter zu einer mordenden Bestie in Menschengestalt und immer mehr Menschen fallen seinem Handwerk des Schlachters zum Opfer. Doch Marcos muss einen Weg finden, die Leichen zu beseitigen und die Lösung ist einfach, aber schockierend!


Mit "Cannibal Man" liegt nahezu ein Paradebeispiel dafür vor, wie irreführend mancher Filmtitel doch sein kann. Mit Kannibalismus hat dieses Werk nämlich überhaupt nichts zu tun, doch so manch einer wird an dieser Stelle ganz sicher mit völlig falschen Erwartungen an diese spanische Produktion aus dem Jahr 1973 heran gehen. Gleichzeitig wird die Geschichte von Eloy de la Iglesia oftmals dem Horror-Genre zugeordnet, wobei es sich doch vielmehr um ein waschechtes Drama handelt, dem lediglich dezente Elemente des Horrorfilms beigemengt wurden. Dadurch ergibt sich eine äußerst krude Kombination, die teilweise auch noch mit einem Hauch von Sozialkritik ausgestattet wurde und im späteren Verlauf homoerotische Züge erkennen lässt. Diese Zusammenstellung mag sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen und auch die Erzähl-Struktur des Filmes trifft nicht bei allen auf Gegenliebe, was sicherlich auch die unzähligen und völlig unterschiedlichen Bewertungen erklärt. Freunde einer temporeichen Erzählung und massenweise Action sind hier vollkommen fehl am Platz, denn Iglesia setzt vielmehr auf ruhige und stille Töne, die lediglich von mehreren Morden jäh unterbrochen werden.

Dadurch mag bei vielen der Eindruck von Langeweile aufkommen, aber ehrlich gesagt fällt es so viel leichter, sich auf die zentrale Hauptfigur Marcos zu konzentrieren, dessen aus dem Ruder laufendes Leben im Fokus der Ereignisse steht. Gespielt von Vincente Parra präsentiert sich dabei ein Charakter der nur schwerlich einzuordnen ist, denn auf den ersten Blick scheint der gute Marcos ein eher gutmütiger Mensch zu sein, der jedoch durch eine eher unglückliche Tat eine Wandlung vollzieht, die man schwerlich in Worte fassen kann. Ausschlaggebend dafür ist der Tod eines Taxifahrers, der nach einem Streit mit der Hauptfigur sein Leben verliert. Dabei handelt es sich hierbei noch nicht einmal um einen Mord, sondern maximal um Totschlag im Affekt, aber dieser unglückselige Vorfall löst förmlich eine Lawine der Gewalt aus, die man noch nicht einmal wirklich erklären kann. Gerade der Aspekt, das Iglesia die Motive für die folgenden Morde eher schwammig hält, verleihen diesem Film extreme Kraft und ein Höchstmaß an Intensität. Das ist nicht unbedingt auf die Tötungen an sich zu beziehen, denn obwohl einige von ihnen für die damalige Zeit recht blutig ausfallen, hält sich der visuelle Härtegrad in einem äußerst überschaubaren Rahmen. Es ist vielmehr die Situation an sich in der sich Marcos befindet, denn mit jeder einzelnen Tötung gerät sein Leben immer mehr aus den Fugen und bringt ihn in eine schier aussichtslose Situation.

Ganz besonders faszinierend ist dabei das Verhalten des Mannes nach den jeweiligen Morden, denn wenn man ihn beispielsweise am Morgen zur Arbeit gehen sieht, erweckt dies nicht unbedingt das Gefühl, das seine Taten ihm irgendwie nahe gehen. Marcos wirkt seltsam ungerührt und scheint sich der Tragweite seines Handelns überhaupt nicht klar zu sein gleichzeitig ist meiner Meinung nach auch stellenweise ein Hauch von Apathie zu verspüren. Im Zusammenspiel mit einer gewissen Emotionslosigkeit ergibt sich so eine darstellerische Performance von Parra, die auf den ersten Blick sicherlich gewöhnungsbedürftig erscheinen mag, bei genauerer Betrachtung jedoch absolut passend ist. Hier handelt es sich selbstverständlich um meine rein subjektive Betrachtungsweise, denn manch anderer wird das Schauspiel des Hauptdarstellers eventuell ganz anders bewerten. Wie dem aber auch sei, die Interpretation der Geschehnisse und die Motive dafür bleiben einem jeden selbst überlassen, aber ich habe Marcos als einen Mann empfunden, der die Ereignisse um ihn herum gar nicht so richtig einzuordnen weiß. So betrachtet man dann auch die aufblühende homoerotische Freundschaft zu einem jungen Mann ganz anders und dieses für manch einen eher unpassende Element des Filmes rundet die Chose sehr stimmig ab.

"Cannibal Man" zählt definitiv zu den Filmen, die seit jeher die Meinungen spalten, von stinklangweilig bis hin zu genial ist dabei fast alles vertreten. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte, aber auf jeden Fall handelt es sich um einen Beitrag, den man sehr wohl gesehen haben sollte. Dabei ist es insbesondere die sehenswerte Mischung verschiedener Genres die diese Geschichte so interessant macht, denn die Sprünge zwischen Drama, Horror Elementen, Sozialkritik und einer intensiven Figurenzeichnung des Haupt-Protagonisten sind absolut faszinierend. Zugegebenermaßen hat mir dieser Beitrag bei meiner damaligen Erstsichtung auch nicht sonderlich gefallen, wobei ich meine Erwartungen allerdings durch den Filmtitel in eine völlig falsche Richtung gelenkt hatte. Mit dem Abstand von etlichen Jahren sieht man die Geschichte nun aber aus einem anderen Blickwinkel und ist so dazu in der Lage, die sehr wohl vorhandene Qualität dieses Werkes so richtig zu schätzen.


Fazit:


Wenn man sich auf "Cannibal Man" einlassen kann und mit der richtigen Erwartungshaltung an die Story heran geht, dann wird man mit einem richtig guten Film konfrontiert, der ebenso wie guter Wein erst nach mehreren Jahren seine volle Qualität erkennen lässt. 


8/10

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